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Bericht von Gerald Mader-Willfahrt

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Erfahrungsbericht über das Stufenliegeradtandem Pino-Titan von Hase – ein edles Fahrrad in Edelmetall.

Halbseitig gelähmt und trotzdem anspruchsvoll Fahrrad fahren, geht das wirklich?

Nach schwerer Hirnblutung im Alter von 49 Jahren vor nunmehr fast vier Jahren rechts halbseitig gelähmt (keine nennenswerte Armfunktion, Gehen nur mit aufwendiger Schienenversorgung  am Stock und in Begleitung mit max. 1 km/h möglich, ausgeprägte Sprachlähmung, Halbseitengesichtsfeldausfall beider Augen, aber nur geringe Spastik der gelähmten Seite und dann v. a. bei Kälteeinflüssen) wäre meine Frau zur Überwindung längerer Strecken human powered wohl bleibend auf den Rollstuhl angewiesen.

Gäbe es da nicht das Hase Pino®.  Nach den Erfahrungen von einem Jahr, 1600 Rad-km und mehreren Tausend Höhenmetern ist es uns ein Anliegen, unsere Eindrücke an ähnlich Betroffene weiterzugeben.

Eines war uns nach den Erfahrungen mit einem behindertengerechten Tandem der konventionellen Bauart und mit Stahlrahmen klar: Es musste so leicht wie möglich werden und die Sitzposition für den Captain muss optimal sein.

Nach Probefahrten auf der Messe CBR in München mit einem Hase Pino Race Titan, das ohne Freilauf für den Stoker und ohne Wadenstützenpedal getestet wurde, entschieden wir uns für ein Custom-Pino mit kompletter Titanausstattung, aber wegen meiner Vorgabe der geringst möglichen Entfaltung ähnlich einem Mountainbike und wegen der nötigen Feldweg-gängigen Bereifung musste es das Pino in der Tour-Version sein, Kosten etwa 5400,– €.  Das Gewicht errechnete ich aus den Angaben des Herstellers ohne Spezialpedal mit etwa 16 – 17kg.

Anfangs war völlig unklar, welche Steigung wir bewältigen könnten und welche Pedallösung für das gelähmte Bein zu suchen sei. Wir orderten das Spezialpedal mit Wadenstütze von Hase dazu. Später wurde der Kettenblattsatz vorne zu Gunsten einer geringeren Entfaltung gewechselt. Auf den Freilauf wollte ich angesichts der Erfahrungen mit dem ersten konventionellem Tandem schon verzichten. Die Tourversion ist aber nur mit deaktivierbarem Freilauf lieferbar.

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Zur Praxis: Die Erfahrung zeigt, dass bei Berücksichtigung einiger Variablen praktisch normales Tandemfahren auch mit einem Hemiparetiker möglich ist:

  • Gewichtsfetischismus lohnt sich eindeutig!
  • Durch den tiefen Schwerpunkt ist das Pino sehr kippsicher und einfach zu handhaben.
  • Der verstellbare Vorbau muss in unserem Fall etwas kürzer eingestellt werden, als dies bei nicht behinderten Stokern der Fall ist, um ein Durchschlagen des gelähmten Beines in Knieüberstreckstellung zu verhindern.
  • Das Pedal mit Wadenstütze ist trotz der ersten ermutigenden Ergebnisse bei der Probefahrt mit nur Hakenfixierung unerlässlich. Es kommt sonst bei uns zu völlig unphysiologischen Schlingerbewegungen des gelähmten Beines.
  • Mit Freilauf für den Stoker funktioniert bei Z. n. Schlaganfall zumindest sportliches Fahren nicht. Meine Frau wäre für sportliche Trittfrequenzen einfach psychomotorisch zu langsam, das gelähmte Bein wird von mir durch Deaktivierung des Freilaufs mitbewegt, trotzdem kommt auch bei höheren Trittfrequenzen Kraft von meiner Frau aufs Pedal. Unsere anfänglichen Befürchtungen einer verstärkten Spastik nach längeren Fahrten mit der zunächst deshalb als notwendig erachteten Erholung durch optionalen Freilauf bestätigten sich nicht. Der Freilauf ist also bei uns dauernd deaktiviert. Hierfür spricht auch ein harmonischeres Tretverhalten. Die Pedale sind in Synchronstellung (z. B. beide links hoch) eingestellt.
  • Geringe Veränderungen bewirken hier teils schon erhebliche Schwierigkeiten. Tüfteln und Probieren lohnt sich (Einstellung der Beinachse über den Wadenhalter, der Vorbaulänge, des Sohlenhalters, der Pedaleinstellung zueinander etc.).
  • Der geflechtbespannte Sitz ist bei uns eher steil gestellt, er sollte maximal gespannt sein an der vorderen Sitzkante, es gab schon Scheuerverletzungen des gelähmten Oberschenkels (weil schlechtere Hautdurchblutung) bei lascher Sitzspannung.
  • Eine Umrüstung auf Kettenblattsatz vorne mit 22-34-46 Zähnen bei Deore®-9-fach-Kassette 11-34 hinten ermöglicht uns Dauersteigungsfahrt von bis ca. 12 % bei maximaler überwundener Steigung von 16 – 18 % (für kürzere Strecken)
  • Aufsitzen meiner gelähmten Frau ist ohne jegliche fremde Hilfe und ohne den optional erhältlichen Mittelständer nach kurzer Übung ebenso möglich wie die Fixierung des gelähmten Beines in der Wadenstütze und das Einklicken des nicht gelähmten Beines in das Klickpedal der nicht gelähmten Seite (auch hier hat meine Frau wegen einer sog. Apraxie Schwierigkeiten). Wir haben wegen der Gewichtsersparnis auf den Ständer ganz verzichtet.
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Noch für Profis aus dem Nähkästchen geplaudert: Leider findet sich in der Gebrauchsanleitung kein Hinweis zur Einstellung der Pedale und zur Deaktivierung des Freilaufs über eine Art Bakelit-Exzenter. Gedacht ist wohl von den Konstrukteuren, die Pedalstellung bei Fixierung des Freilaufs über den Exzenter feineinzustellen. Hier zeigt die Erfahrung, dass der Exzenter allerdings bei bestimmungsgemäßer, also exzentrischer Fixierung durch die immensen Pedalkräfte gelockert wird (siehe unten unter „überdrehtem Gewinde“). Die Pedalstellung muss m. E. nach Fixierung des Freilaufs in niedrigster Exzenterposition über die Kette eingestellt werden!

Mit unserem Hase Pino Titan in der genannten Ausstattung hatten wir im letzten Jahr herrliche Touren gefahren, so sind etwa bis 100 km pro Tag und 800 – 1000 Höhenmeter (ohne wesentliches Gepäck) wieder möglich. Meine Frau erreicht jetzt wieder Regionen oder Ausflugsziele, die sonst für schwer Gehbehinderte nicht erreichbar wären, so im Bayerischen Wald und in den Alpen.

Und wer den Kick sucht: Die bisher erreichte Maximalgeschwindigkeit war 78 km/h die Ruselbergstrecke im Bayerischen Wald hinab.

Ein Ausfall des Rads wie kürzlich durch Abdrehen der Kettenspannerschraube durch mich oder eben Überdrehen der Befestigungsschraube für den Freilauf- Feststellexzenter (aus meiner Sicht zwei Schwachpunkte des ansonsten fantastischen Tandems) ist für meine Frau kaum mehr erträglich. So sehr hat die wieder gewonnene human powered Mobilität die Bewältigung der Behinderung geprägt, so sehr ist der durch das Titan-Tandem wieder ermöglichte Sport schon wieder Teil unseres Lebens geworden.

Gerald Mader-Willfahrt mit Hildegard Willfahrt

mwillfahrt@degnet.de

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